Willkommen zu Folge 7 von „Vergessene Allianzen“. In der vergangenen Folge haben wir gesehen, wie Zehntausende Muslime deutsche Uniformen trugen und als „Muselgermanen“ für die Ziele des Dritten Reiches kämpften. Heute erreichen wir den absoluten Tiefpunkt dieser Geschichte – das geplante Finale der deutsch-islamischen Allianz.
Es ist der Sommer 1942. General Erwin Rommel und sein Afrikakorps stehen vor Kairo. Der Weg nach Palästina scheint frei. In Berlin werden bereits die Vorbereitungen für das getroffen, was als „Endlösung der Judenfrage im Orient“ geplant ist. Ein spezielles SS-Einsatzkommando steht bereit, um den Holocaust auf den Nahen Osten auszudehnen.
Nur eine Schlacht – die Schlacht von El Alamein – stand zwischen einer halben Million Juden und ihrer systematischen Vernichtung.
SS-Obersturmbannführer Walter Rauff – Der Mann für den Judenmord
Am 1. Juli 1942 sprach Walter Schellenberg, Chef des Auslandsnachrichtendienstes der SS, mit Heinrich Himmler über den bevorstehenden „Einsatz in Ägypten.“ Noch am selben Nachmittag hielt der Reichsführer-SS eine einstündige Präsentation bei Hitler in der Wolfsschanze. Die Entscheidung über das geplante Einsatzkommando fiel an diesem Tag.
Schon am 4. Juli konnte Himmler vermelden: „Wehrmachtsbefehl wird morgen ausgegeben.“ Am 13. Juli war es soweit. In der entscheidenden Passage der Einsatzrichtlinien wurde festgehalten: „Das SS-Einsatzkommando erhält seine fachlichen Weisungen vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD und führt seine Aufgaben in eigener Verantwortlichkeit durch. Es ist berechtigt, im Rahmen seines Auftrages in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen.“
Diese Formulierung war kein Zufall. Sie entsprach wortwörtlich jenen Bestimmungen, die seit dem Vorjahr die Grundlage für den Massenmord der Einsatzgruppen in der Sowjetunion bildeten. Bewährte Passagen waren einfach übernommen worden – für den Holocaust im Orient.
Der Mann, der dieses Kommando führen sollte, war SS-Obersturmbannführer Walter Rauff. Rauff war nicht irgendein SS-Offizier, sondern ein Spezialist für industriellen Massenmord. Er war der „Erfinder“ der mobilen Gaskammern – jener umgebauten Lastwagen, mit denen mindestens 100.000 Menschen ermordet worden waren.
Rauff wurde am 19. Juni 1906 in Cöthen als Sohn eines Bankprokuristen geboren. Nach dem Abitur trat er in die Kriegsmarine ein und brachte es bis zum Kapitänleutnant. 1937 schied er wegen „Ehebruch“ aus der Marine aus – ein früher Hinweis auf seinen zweifelhaften Charakter. Im Januar 1938 trat er der SS bei.
Rauffs Karriere im Reichssicherheitshauptamt begann unscheinbar. Doch schon bald erkannten seine Vorgesetzten sein Organisationstalent. Als 1941 der Bedarf an „effizienteren“ Mordmethoden wuchs, war Rauff zur Stelle. Er entwickelte die Gaswagen – Lastwagen, in deren Laderaum die Abgase des Motors geleitet wurden, um Menschen zu ersticken.
Probevergasungen an sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem KZ Sachsenhausen verliefen „erfolgversprechend.“ Bis Sommer 1942 wurden etwa 20 Gaswagen konstruiert, die in der Sowjetunion und in Serbien beim Judenmord eingesetzt wurden. Rauffs zynische Begründung für diese „Innovation“ offenbarte die bürokratische Kälte des Holocaust: „Für mich stand damals im Vordergrund, dass die Erschießungen für die Männer, die damit befasst waren, eine erhebliche Belastung darstellten und dass diese Belastung durch den Einsatz der Gaswagen entfiel.“
Es war genau diese Erfahrung mit der „rationalisierten Vernichtung“, die Rauff für den neuen Posten prädestinierte. Er sollte Chef einer mobilen Todesschwadron für den Nahen Osten werden.
Das Führerkorps des Einsatzkommandos
Rauffs Einsatzkommando umfasste sieben SS-Führer und 17 Unterführer und Mannschaften – eine kleine, aber hochspezialisierte Truppe. Die Führungskader kamen aus verschiedenen Bereichen des Reichssicherheitshauptamtes und brachten jeweils spezielle Expertise mit.
Als Nahostexperte wurde Sturmbannführer Wilhelm Beisner verpflichtet, der Leiter des Arabienreferates VI C 13. Beisner war bereits als Schüler 1930 der SA beigetreten, wurde einen Monat später Parteimitglied und wechselte 1932 zur SS. Nach einem Volkswirtschaftsstudium arbeitete er im Außenpolitischen Amt der NSDAP-Reichsleitung, bevor er 1940 ins Amt VI übernommen wurde. Im April 1941 leitete er das Kommando Agram (Zagreb) der Einsatzgruppe Jugoslawien.
Obersturmführer Hans-Joachim Weise kam als weiterer Arabienexperte hinzu. Er war zuletzt als Verbindungsoffizier des Reichssicherheitshauptamtes bei el-Husseini tätig gewesen. Seine Hauptaufgabe sollte in der „Verbindungsaufnahme zu arabischen Kollaborateuren“ bestehen, die er „verbindlich und in großer Zahl für die deutschen Interessen gewinnen sollte.“
Für den nachrichtendienstlichen Bereich war Sturmbannführer Franz Hoth zuständig, ein ehemaliger Schiffsmakler aus Brunsbüttelkoog. Hinzu kamen weitere Spezialisten für Übersetzung, Verwaltung und „Exekutivmaßnahmen.“
Das Kommando sollte zunächst in Ägypten und nach dessen Eroberung in Palästina zum Einsatz kommen. Der Auftrag war eindeutig: Sie sollten „zweifellos in erster Linie beim Massenmord an der jüdischen Bevölkerung aktiv werden.“
Der Flug nach Tobruk
Am 20. Juli 1942 flog Walter Rauff nach Tobruk, um „von Generalfeldmarschall Rommel die notwendigen Instruktionen für den Einsatz“ seines Kommandos zu empfangen. Die Verwendung der Einheit stand damit unmittelbar bevor.
Wahrscheinlich sprach Rauff nicht persönlich mit Rommel, der zu diesem Zeitpunkt 500 Kilometer östlich von Tobruk in der entscheidenden Endphase der ersten Schlacht von El Alamein seine Truppen führte. Rauff wurde vermutlich einem der Stabsoffiziere der Panzerarmee unterstellt.
Am 29. Juli wurde das Einsatzkommando von Berlin nach Athen überführt und stand dort auf Abruf zum Transfer nach Afrika bereit. Alles war vorbereitet für den Beginn der „Endlösung“ im Orient.
Der arabische Resonanzboden
Die deutschen Planer konnten sich auf breite Unterstützung in der arabischen Bevölkerung verlassen. Schon seit Monaten mehrten sich die Berichte über antisemitische Stimmungen und deutschfreundliche Haltungen in Ägypten und Palästina.
Ein Informant des Auswärtigen Amtes berichtete im Juli 1942 aus Ägypten, die Bevölkerung sei zu 95 Prozent „achsenfreundlich und schroff antienglisch.“ Seit der deutschen Erklärung zur arabischen Unabhängigkeit habe „sogar die Animosität gegen die Italiener abgenommen.“
Besonders aufschlussreich war die Beschreibung der Fluchtbewegung, die mit Rommels Vorstoß eingesetzt hatte: „Als Rommel in Ägypten einmarschierte, verließen die führenden Gaullisten sowie die reichen Juden und Griechen fluchtartig Kairo (in Alexandria gibt es schon längst keine Juden mehr und keine reichen Griechen) und begaben sich teils nach dem Libanon, teils nach Kapstadt.“
Die jüdische Panik war berechtigt. Die jüdische Gemeinde Ägyptens fertigte bereits Listen prominenter Zionisten und Antifaschisten an, deren „beschleunigte Evakuierung“ die Briten zugesagt hatten. Ein Teil wurde vorsorglich nach Palästina gebracht.
Antisemitische Ausschreitungen
Schon vor der erwarteten deutschen Ankunft kam es zu ersten antisemitischen Übergriffen. Der ägyptische Premierminister musste die Situation persönlich beruhigen und betonen, die Juden „hätten nichts zu befürchten; es würde keine Akte von Diskriminierung gegen sie geben.“
Diese Versicherungen klangen hohl angesichts der Stimmung auf der Straße. Deutsche Agenten berichteten von einer „unübersehbaren und teilweise bereits wohlorganisierten Zahl von Arabern,“ die sich als „willige Helfershelfer der Deutschen“ anboten.
Die Kollaboration bei der Judenvernichtung hätte „wohl nicht nur im deutsch besetzten Europa reibungslos funktioniert.“ Das „zentrale Betätigungsfeld von Rauffs Einsatzkommando, die Realisierung der Shoah in Palästina, wäre mit Hilfe jener Kollaborateure unmittelbar nach Erscheinen der Panzerarmee Afrika schnell in die Tat umgesetzt worden.“
Ägyptische Offiziere als Kollaborateure
Besonders erschreckend war die Bereitschaft hochrangiger ägyptischer Militärs zur Zusammenarbeit. Am 6. Juli 1942 versuchte Ahmad Sayudi Hussain, ein Pilot der ägyptischen Luftwaffe, die deutschen Linien zu erreichen. Er startete „mit zahlreichen Dokumenten, geheimem Kartenmaterial und dem Entwurf für ein deutsch-ägyptisches Abkommen“ in Richtung von Rommels Hauptquartier.
Die Mission war von „höchsten Stellen und mit Wissen des Königs“ autorisiert worden. Als das Flugzeug von den Deutschen irrtümlich abgeschossen wurde und der Pilot ums Leben kam, startete am nächsten Tag ein zweites Flugzeug mit Unteroffizier Muhammad Raduan.
Raduan erreichte diesmal unversehrt die deutschen Linien, schwieg sich aber über seinen wahren Auftrag aus, als er vom Schicksal seines Vorgängers erfuhr. Er bestätigte lediglich, „einer ägyptischen Geheimorganisation“ anzugehören.
Unter den Kollaborateuren befand sich auch der ehemalige ägyptische Generalstabschef Aziz Ali el-Misri, der Kontakte zu den deutschen Agenten Eppler und Sandstede hatte. El-Misri spielte eine Schlüsselrolle „im Kreis der islamistischen, nationalistischen und englandfeindlichen Kräfte Ägyptens.“
Zu diesem Kreis gehörte auch der junge Anwar as-Sadat, der spätere Präsident Ägyptens. Sadat arbeitete aktiv mit deutschen Agenten zusammen und versuchte, Waffen für einen Aufstand gegen die Briten zu beschaffen.
El-Husseinis Rolle bei der Vorbereitung
Amin el-Husseini spielte eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung des geplanten Massakers. Er bot an, persönlich nach Ägypten zu reisen, um die arabische Kollaboration voranzutreiben. Am 27. Juni 1942 regte er gegenüber Erwin Ettel vom Auswärtigen Amt an, eine öffentliche Erklärung zu verfassen, in der Ägypten die Unabhängigkeit versprochen würde. Eine solche Erklärung würde „im ägyptischen Volk den stärksten Widerhall finden und zum offenen Widerstand gegen die Engländer führen.“
Diese Anregung wurde umgehend umgesetzt. Bereits am 3. Juli verbreiteten Deutsche und Italiener einen entsprechenden Text: „In dem Augenblick, in dem ihre Streitkräfte auf ägyptischem Territorium siegreich vorwärtsdringen, bekräftigen die Achsenmächte feierlich ihre feste Absicht, die Unabhängigkeit Ägyptens und die Souveränität Ägyptens zu achten und sicherzustellen.“
El-Husseini forderte auch die Entsendung der „Deutsch-Arabischen Lehrabteilung“ nach Ägypten, um die Propaganda vor Ort zu verstärken. Er war bereit, seine ganze Autorität als Großmufti in die Waagschale zu werfen, um den deutschen Einmarsch zu unterstützen.
Die konkrete Planung des Völkermords
Die Planungen für den Holocaust in Palästina waren bereits weit fortgeschritten. El-Husseini hatte in direktem Kontakt mit dem Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes gestanden und Ende 1941 oder Anfang 1942 Adolf Eichmann persönlich getroffen.
Bei diesem Treffen vermittelte Eichmann seinem „höchst beeindruckten Zuhörer anhand zahlreicher Statistiken und Karten einen intensiven Einblick in den Stand der ‚Lösung der europäischen Judenfrage’“ durch das Dritte Reich. El-Husseini teilte ihm mit, er habe bereits eine Zusage Himmlers erhalten, „dass nach dem Sieg der Achsenmächte einer der Judenberater aus Eichmanns Referat mit ihm nach Jerusalem kommen solle, um die dort virulenten Fragen praktisch anzugehen.“
In der Folge wandte sich el-Husseini bezüglich praktischer Präzisierungen direkt an Eichmanns zuständigen Mitarbeiter. Mindestens eine Unterredung des Mufti mit Sturmbannführer Friedrich Suhr, dem Leiter von IV B 4 b („Judenangelegenheiten“), ist für die erste Hälfte des Jahres 1942 bezeugt.
Mitarbeiter el-Husseinis und al-Gailanis nahmen im Sommer 1942 an Schulungskursen des SD teil. Drei Begleiter des ehemaligen irakischen Ministerpräsidenten und ein Vertrauter des Mufti besichtigten im Juli sogar das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Al-Gailani hatte ursprünglich den Wunsch geäußert, persönlich teilzunehmen, da er „prüfen wolle, ob er Einrichtungen eines solchen Konzentrationslagers als Muster für entsprechende Anlagen im Irak verwenden könne.“
Die arabischen Besucher zeigten sich bei der zweistündigen Führung durch den Lagerkommandanten „äußerst interessiert.“ Wie SS-Verbindungsoffizier Weise berichtete, „hätten die Araber an den Juden in Sachsenhausen ganz besonderes Interesse gezeigt.“
Mussolinis weiße Stute und deutsche Gedenkmedaillen
Die Achsenführung war so siegesgewiss, dass bereits Vorbereitungen für die Siegesfeier getroffen wurden. Mussolini plante, „auf einem weißen Pferd an der Spitze der Panzerarmee in Kairo Einzug zu halten.“ Am 29. Juli flog er mit dem besagten Reittier nach Libyen und bezog in der Nähe von Derna Quartier, um von dort aus „seine Parade in Kairo realisieren zu können.“
Zur Erinnerung an seinen geplanten Triumphzug ließ der Duce in Italien bereits Gedenkmedaillen prägen, „die dann später an verdiente Militärs verliehen werden sollten.“
Diese grotesken Vorbereitungen zeigen, wie sicher sich die Achsenführung ihres Sieges war. Niemand zweifelte daran, dass Kairo fallen und Palästina den Deutschen in die Hände fallen würde.
Die Juden zwischen Panik und Hoffnung
Die jüdische Bevölkerung Palästinas befand sich in einer verzweifelten Lage. Die Nachrichten aus Europa über den Holocaust waren noch nicht vollständig durchgedrungen, aber die Zeichen standen auf Sturm. Britische Geheimdienste berichteten bereits über deutsche Pläne zur „Liquidierung“ der jüdischen Gemeinden im Nahen Osten.
David Ben-Gurion und andere Führer des Jischuw (der jüdischen Gemeinde in Palästina) erkannten die Bedrohung. Sie bereiteten Pläne für den Guerillakampf vor und suchten nach Rückzugsmöglichkeiten. Gleichzeitig intensivierten sie ihre Bemühungen, die Briten zur Aufstellung jüdischer Kampfeinheiten zu bewegen.
Die jüdische Gemeinde Ägyptens war noch direkter bedroht. Mit etwa 75.000 Mitgliedern war sie eine der größten jüdischen Gemeinden im Nahen Osten. Ihre Vernichtung wäre ein schwerer Schlag für das Weltjudentum gewesen.
In Palästina lebten 1942 etwa 500.000 Juden. Sie wären das erste Ziel von Rauffs Einsatzkommando gewesen. Die deutschen Planer gingen davon aus, dass die „Bearbeitung“ der palästinensischen Juden ähnlich „effizient“ verlaufen würde wie in Osteuropa.
Die Wende bei El Alamein
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Am 23. Oktober 1942 begann die britische 8. Armee unter General Bernard Montgomery ihre Offensive bei El Alamein. Was folgte, war eine der entscheidendsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.
Die Voraussetzungen für die deutsche Niederlage hatten sich bereits in den Wochen zuvor verschlechtert. Seit dem 29. Juni stand eine wichtige Quelle der deutschen Feindaufklärung nicht mehr zur Verfügung – der amerikanische Militärattaché in Kairo sendete keine Funksprüche mehr, die die Deutschen abfangen konnten.
Am 10. Juli erbeuteten australische Truppen die kompletten Unterlagen der deutschen Nachrichtenabteilung 56, darunter britische Funcodes. Diese Beute zeigte den Briten, „wie effizient die Deutschen den feindlichen Nachrichtenverkehr abgehört hatten.“ Die Briten verstärkten daraufhin ihre Geheimhaltungsmaßnahmen massiv. Rommel war fortan „in weit geringerem Maße über die gegnerischen Absichten im Bilde.“
Gleichzeitig verschlechterte sich die deutsche Nachschubsituation dramatisch. Während im Juli noch 91.491 Tonnen Versorgungsgüter in libyschen Häfen gelöscht wurden, fiel die Menge im August um fast die Hälfte auf 51.655 Tonnen. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der durch britische Angriffe versenkte Schiffsraum von 6.339 auf 50.562 Bruttoregistertonnen.
Besonders verheerend war, dass die Briten mit Hilfe ihrer „Ultra“-Entschlüsselung deutsche Funksprüche lasen und gezielt Nachschubkonvois angriffen. 42 Prozent der Tonnageverluste erzielten Royal Navy und Air Force durch dechiffrierte Achsen-Funksprüche.
Die entscheidende Schlacht
Am frühen Morgen des 23. Oktober 1942 eröffnete Montgomery mit einem gewaltigen Artillerieschlag die Schlacht von El Alamein. 900 Geschütze bombardierten die deutschen und italienischen Stellungen. Die Offensive war sorgfältig vorbereitet und materiell überlegen.
Die Deutschen erkannten schnell, dass dies kein gewöhnlicher Angriff war. Hitler, der zunächst einen Rückzug untersagt hatte, musste schließlich der Realität ins Auge blicken. Am 4. November gelang den Briten der entscheidende Durchbruch. Die italienische Division Ariete wurde völlig aufgerieben.
Rommel gab am Nachmittag des 4. November den Befehl an alle Verbände, „sich mit Einbruch der Dunkelheit vom Feind zu lösen und sich Richtung Westen zurückzuziehen.“ Eine Antwort Hitlers auf seine Ankündigung dieses Vorhabens wartete der Oberbefehlshaber erst gar nicht ab.
Was folgte, war ein über 3.000 Kilometer langer Rückzug. Rommel verlor etwa 40.000 seiner 100.000 Männer. Die meisten waren Italiener, die „aufgrund fehlender Motorisierung mit den Rückzugsbewegungen nicht Schritt halten konnten.“
Das Ende des Traums
Mit der Niederlage bei El Alamein waren alle deutschen Pläne für den Nahen Osten gescheitert. Das Einsatzkommando Ägypten wurde nie eingesetzt. Rauff und seine Mordspezialisten warteten vergeblich in Athen auf den Befehl zum Aufbruch nach Afrika.
Die „Endlösung der Judenfrage“ im Orient blieb ein Plan. Die 500.000 Juden Palästinas und die 75.000 Juden Ägyptens überlebten – nicht wegen humanitärer Bedenken der Deutschen, sondern wegen einer militärischen Niederlage.
Es war einer der folgenreichsten Zufälle der Weltgeschichte. Eine Schlacht, die primär um strategische Positionen und Ölfelder geführt wurde, entschied über Leben und Tod einer halben Million Menschen, die von ihrer Rettung zunächst nichts ahnten.
El-Husseinis fortdauernde Aktivitäten
Auch nach der Niederlage bei El Alamein gab el-Husseini seine Pläne nicht auf. Er intensivierte sogar seine Aktivitäten und versuchte, durch Sabotageakte und Terroranschläge die deutsche Kriegsführung zu unterstützen.
1943 und 1944 sprangen mehrere gemischte deutsch-arabische Kommandos mit dem Fallschirm über dem Nahen Osten ab, um Sabotageakte zu begehen und „Waffen für den Djihad“ einzuschmuggeln. Der Mufti hatte diese Operationen bei SS-Chef Ernst Kaltenbrunner angeregt.
Im Oktober 1944 wurde ein fünfköpfiges Fallschirmspringer-Kommando im Jordantal von den Briten festgenommen. Die Männer waren von el-Husseini persönlich instruiert worden. Er hatte ihnen versichert, „dass sein Kampf in Palästina Deutschland helfen werde“ und gehofft, „dass sich jetzt alle arabischen Nationen zum Krieg gegen die Juden vereinigten.“
Der Mufti regte sogar Bombenangriffe auf jüdische Ziele an. Am 30. März 1944 schlug er der deutschen Luftwaffe einen Bombenangriff auf Tel Aviv „am 1. April“ vor – eine makabere Wahl des Datums.
Der verhinderte Holocaust
Die Geschichte des geplanten Holocaust im Orient ist ein erschütterndes „Was wäre wenn“ der Geschichte. Sie zeigt, dass die Vernichtung der europäischen Juden nicht das Ende der deutschen Pläne war, sondern nur der Anfang eines globaleren Programms.
Wäre Rommel siegreich gewesen, hätte sich der Holocaust auf den gesamten Nahen Osten ausgedehnt. Die 500.000 Juden Palästinas, die 75.000 Juden Ägyptens und kleinere Gemeinden im gesamten arabischen Raum wären systematisch ermordet worden.
Die Rolle arabischer Kollaborateure
Besonders verstörend ist das Ausmaß der geplanten arabischen Kollaboration. Von hochrangigen Militärs bis zu einfachen Bürgern – überall fanden sich Araber bereit, beim Judenmord zu helfen. Diese Bereitschaft war nicht nur opportunistisch, sondern ideologisch motiviert.
Die jahrzehntelange deutsche Propaganda hatte ihre Wirkung getan. Der Antisemitismus war in Teilen der arabischen Gesellschaft so tief verwurzelt, dass ein Holocaust auf arabischem Boden nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich gewesen wäre.
Die militärische Dimension
Die Geschichte zeigt auch, wie eng militärische Erfolge und Völkermord miteinander verknüpft waren. Der Holocaust war kein isoliertes Phänomen, sondern integraler Bestandteil der deutschen Kriegsführung. Wo die Wehrmacht siegte, folgten die Einsatzgruppen.
Die Niederlage bei El Alamein rettete nicht nur das britische Empire, sondern auch eine halbe Million jüdischer Leben. Es war ein Zufall mit welthistorischen Dimensionen.
Die verpasste Lehre
Tragischerweise wurden aus diesem verhinderten Holocaust keine Lehren gezogen. Weder die arabischen Gesellschaften noch die internationale Gemeinschaft thematisierten nach dem Krieg die geplante Kollaboration. Die Täter und ihre Helfer konnten ungestraft davonkommen.
Diese Verdrängung hatte fatale Folgen. Die ideologischen Grundlagen, die 1942 zur geplanten Vernichtung geführt hätten, blieben bestehen und wirkten in neuen Formen weiter.
Das Vermächtnis von El Alamein
Die Schlacht von El Alamein wird meist als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Tatsächlich war sie mehr als das: Sie war der Wendepunkt für das Überleben des Judentums im Nahen Osten.
Ohne diese Schlacht gäbe es heute vermutlich keine jüdischen Gemeinden in Israel und der arabischen Welt. Der Staat Israel wäre niemals entstanden. Die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wäre völlig anders verlaufen.
Die Kontinuität des Plans
Erschreckend ist, dass die Pläne von 1942 in modifizierter Form bis heute nachwirken. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Orient wurde nach dem Krieg nicht aufgegeben, sondern transformiert. Aus dem geplanten industriellen Massenmord wurde ein langfristiges politisches Programm.
Organisationen wie Hamas und Hisbollah berufen sich heute explizit auf die Vernichtung Israels. Ihre Ideologie und ihre Methoden zeigen direkte Kontinuitätslinien zu den Plänen von 1942.
Die Bedeutung für heute
Die Geschichte des verhinderten Holocaust im Orient ist keine rein historische Angelegenheit. Sie erklärt vieles von dem, was wir heute im Nahen Osten erleben. Die Wurzeln des modernen antisemitischen Terrors reichen bis in jene Wochen des Sommers 1942 zurück.
Wer die Beharrlichkeit des nahöstlichen Antisemitismus verstehen will, muss diese Geschichte kennen. Wer begreifen will, warum bestimmte Formen des Judenhasses so resistent gegen alle Aufklärungsversuche sind, muss ihre Entstehung in der Zeit der deutsch-arabischen Allianz studieren.
In der nächsten Folge werden wir sehen, wie diese Pläne nach 1945 in neuer Form überlebten – und wie aus den geplanten Helfern des Holocaust die Organisatoren neuer Formen antisemitischen Terrors wurden.
Quellen: Basierend auf „Nazi Palestine“ (Mallmann/Cüppers), „Halbmond und Hakenkreuz“ (Mallmann/Cüppers), „Der Mufti von Jerusalem“ (Gensicke) und Dokumenten aus dem Bundesarchiv