Willkommen zur zehnten Folge von „Vergessene Allianzen“. In den zurückliegenden Folgen haben wir eine bemerkenswerte Geschichte verfolgt: Von Kaiser Wilhelm II. über Hitler und Himmler bis zu Nasser und seinen deutschen Beratern. Wir haben gesehen, wie sich über mehr als ein Jahrhundert hinweg immer wieder Allianzen zwischen Deutschland und Teilen der islamischen Welt bildeten – Allianzen, die vom gemeinsamen Kampf gegen vermeintliche Feinde geprägt waren.
In der letzten Folge endeten wir in den späten 1960er Jahren, als die Niederlage im Sechstagekrieg das Ende der deutschen Dominanz im Nahen Osten markierte. Viele Nazi-Berater verließen die arabische Welt, andere starben oder gingen in den Ruhestand. Es schien, als wäre ein dunkles Kapitel endlich geschlossen.
Doch die Geschichte war keineswegs zu Ende. Was wir heute erleben werden, ist in gewisser Weise das Verstörendste von allem: Wie die Ideologien und Mythen, die in den 1930er und 1940er Jahren entstanden, bis in die Gegenwart fortleben. Wie „Mein Kampf“ zu einem Bestseller im Nahen Osten wurde, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ millionenfach verbreitet werden und wie Adolf Hitler bis heute als Held verehrt wird.
Es ist die Geschichte davon, wie aus historischen Allianzen dauerhafte ideologische Bindungen wurden – und warum deutsche Touristen noch heute in arabischen Städten mit „Heil Hitler“ begrüßt werden.
Das Überleben der Mythen
Als die letzten deutschen Berater in den 1970er Jahren den Nahen Osten verließen, hinterließen sie mehr als nur militärische Ausrüstung oder Geheimdienststrukturen. Sie hinterließen ein geistiges Erbe, das sich als erstaunlich langlebig erweisen sollte.
Die antisemitischen Mythen, die von Johann von Leers in Kairo verbreitet, vom Mufti in Berlin propagiert und von deutschen Propagandisten über Radio Zeesen ausgestrahlt worden waren, hatten tiefe Wurzeln geschlagen. Sie waren nicht mehr an ihre ursprünglichen Verbreiter gebunden, sondern hatten ein Eigenleben entwickelt.
Besonders erfolgreich waren dabei zwei Texte, die ursprünglich in Europa entstanden waren und nun ihre zweite Karriere in der arabischen Welt antraten: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ und die „Protokolle der Weisen von Zion.“
„Mein Kampf“ wird zum Bestseller
Bereits in den 1930er Jahren hatten deutsche Stellen Teilübersetzungen von „Mein Kampf“ ins Arabische gefördert – mit einer entscheidenden Besonderheit: Die antiarabischen Passagen wurden einfach weggelassen. Hitler hatte in seinem Buch die Araber als „rassisch minderwertig“ bezeichnet und ein Bündnis mit einer „Koalition von Krüppeln“ abgelehnt. Diese Stellen kamen in den arabischen Übersetzungen nicht vor.
1960 erschien erstmals eine vollständige arabische Ausgabe von „Mein Kampf“ in Beirut. Doch auch jetzt interessierten sich die Leser weniger für Hitlers rassistische Theorien als für seine antisemitischen Passagen. Das Buch wurde zu einem unerwarteten Erfolg.
In den folgenden Jahrzehnten erschienen immer neue Auflagen und Übersetzungen. „Mein Kampf“ wurde zu einem der meistverkauften Bücher im Nahen Osten – ein grotesker Erfolg für ein Werk, dessen Autor die meisten seiner Leser als „rassisch minderwertig“ betrachtet hätte.
Besonders beliebt war dabei Hitlers Kapitel über „Volk und Rasse,“ in dem er seine antisemitischen Theorien entwickelte. Diese Passagen wurden oft separat veröffentlicht und als politische Munition im Kampf gegen Israel verwendet.
Die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Massenphänomen
Noch erfolgreicher als „Mein Kampf“ waren die „Protokolle der Weisen von Zion“ – jenes antisemitische Machwerk, das um 1900 vom zaristischen Geheimdienst gefälscht worden war und eine angebliche jüdische Weltverschwörung beschrieb.
Die „Protokolle“ waren bereits in den 1920er Jahren in arabischer Übersetzung erschienen und hatten großen Einfluss auf den Mufti von Jerusalem gehabt. Nach 1945 erlebten sie eine Renaissance. Bis heute kursieren sie in der islamischen Welt in mindestens neun verschiedenen Übersetzungen.
Die Auflagenzahlen sind, gemessen an den sonst üblichen Verkaufszahlen arabischer Bücher, geradezu spektakulär. Die „Protokolle“ werden als Tatsachenbericht verkauft und gelesen – als Beweis für eine angebliche jüdische Weltverschwörung.
Von diversen arabischen Führern wurde das Machwerk in der Vergangenheit gern zitiert oder weiterempfohlen. Gamal Abdel Nasser las die „Protokolle“ 1959 und bezog sich danach regelmäßig in seinen Reden auf deren Thesen.
Die Medien als Verstärker
Besonders problematisch wurde die Verbreitung antisemitischer Mythen durch die modernen Medien. 2002 strahlte das staatliche ägyptische Fernsehen zur besten Sendezeit eine 41-teilige Serie aus, für die die „Protokolle der Weisen von Zion“ das Drehbuch bildeten.
Die Serie mit dem Titel „Reiter ohne Pferd“ erreichte Millionen von Zuschauern und vermittelte ihnen ein Geschichtsbild, nach dem eine jüdische Weltverschwörung für alle Übel der Welt verantwortlich sei. Von der Französischen Revolution bis zu den Anschlägen des 11. September – alles wurde als Teil eines jüdischen Masterplans dargestellt.
Ähnliche Produktionen folgten in anderen arabischen Ländern. Das Internet verstärkte diese Entwicklung noch. Antisemitische Inhalte konnten nun ohne große Kosten weltweit verbreitet werden, und die sozialen Medien sorgten für eine virale Ausbreitung.
Hitler als religiöse Erlöserfigur
Parallel zur Verbreitung antisemitischer Texte entwickelte sich eine bemerkenswerte Hitler-Verehrung. Was in den 1930er Jahren begonnen hatte – die Verehrung Hitlers als Befreier vom westlichen Kolonialismus – setzte sich nach seinem Tod fort.
Deutsche Touristen berichten regelmäßig davon, dass sie in arabischen Ländern mit „Heil Hitler“ begrüßt werden. Lange Zeit wurden solche Berichte als Einzelfälle oder Missverständnisse abgetan. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein weit verbreitetes Phänomen.
Hitler wird dabei nicht nur als politische Figur verehrt, sondern oft als religiöse Gestalt verklärt. In Iran wurde er bereits in den 1930er Jahren mit dem zwölften Imam gleichgesetzt – einer Heilsgestalt der schiitischen Lehre. Diese quasi-religiöse Verehrung setzte sich fort.
In Teilen der arabischen Welt wird Hitler bis heute als Prophet gegen die Juden verehrt. Seine Niederlage wird als vorübergehende Verzögerung seines Werkes gedeutet, nicht als dessen Ende.
Die iranische Variante
Eine besonders perfide Form nahm die Hitler-Verehrung in der Islamischen Republik Iran an. Obwohl der Iran kein arabisches Land ist und die Regierung vorgibt, gegen alle Formen des Rassismus zu kämpfen, wurde Antisemitismus zu einem zentralen Element der Staatsideologie.
Ayatollah Khomeini erklärte bereits vor der Islamischen Revolution, dass „der Zionismus ein Feind der Menschheit“ sei. Nach 1979 wurde diese Haltung zur Staatsdoktrin. 1984 kulminierte eine Artikelserie der iranischen Botschaft in London in der Feststellung, dass die „Protokolle der Weisen von Zion“ von den westlichen Regierungen „Wort für Wort befolgt“ würden.
Das Regime in Teheran wurde zu einem der wichtigsten Verbreiter antisemitischer Propaganda weltweit. Holocaustleugnung wurde zu einem zentralen Thema der iranischen Außenpolitik, und Konferenzen zur „Erforschung“ des Holocaust wurden zu diplomatischen Instrumenten.
Moderne Terrororganisationen und das Nazi-Erbe
Die ideologischen Kontinuitäten zeigten sich besonders deutlich bei terroristischen Organisationen. Die Hamas, die 1987 als palästinensischer Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft gegründet wurde, übernahm nahtlos die antisemitischen Mythen der Vergangenheit.
In ihrer Gründungscharta bezieht sich die Hamas explizit auf die „Protokolle der Weisen von Zion.“ Sie erklärt, dass die Juden hinter der Französischen Revolution, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und der Gründung der UNO stünden – klassische antisemitische Verschwörungstheorien.
Führende Hamas-Vertreter haben wiederholt den Holocaust geleugnet oder relativiert. 2005 erklärte ein Hamas-Sprecher: „Dank Hitler – selig sei sein Angedenken –, der im Namen der Palästinenser im voraus Rache nahm an den niederträchtigsten Verbrechern dieser Erde. Obwohl wir uns bei ihm beschweren müßten, daß seine Rache an ihnen nicht genug war.“
Die Hisbollah als iranischer Stellvertreter
Die libanesische Hisbollah, die als Ableger der iranischen Revolutionsgarden entstanden war, übernahm die antisemitische Ideologie ihrer Schutzmacht. Ihr Fernsehsender Al-Manar wurde zu einem der wichtigsten Verbreiter antisemitischer Inhalte in der arabischen Welt.
Der Sender strahlte regelmäßig Dokumentationen aus, die die „jüdische Weltverschwörung“ „beweisen“ sollten. Kindersendungen vermittelten antisemitische Stereotype, und Spielfilme stellten Juden als die Verkörperung des Bösen dar.
Die Verbindung zur deutschen Vergangenheit war dabei oft direkt sichtbar. In einer Kindersendung trat eine als Hitler verkleidete Figur auf, die den Kindern erklärte, warum die Juden die Feinde der Menschheit seien.
Die Rolle der deutschen Politik
Besonders bedenklich ist, dass deutsche Politiker und Institutionen lange Zeit wenig Sensibilität für diese Kontinuitäten zeigten. Während Deutschland in Europa entschieden gegen Antisemitismus vorgeht, wurde das Problem in der arabischen Welt oft ignoriert oder verharmlost.
Deutsche Botschaften in arabischen Ländern unterhielten jahrzehntelang normale Beziehungen zu Regimen, die systematisch antisemitische Propaganda verbreiteten. Deutsche Unternehmen machten Geschäfte in Ländern, in denen „Mein Kampf“ zum Bestseller geworden war.
Erst in jüngster Zeit beginnt ein Umdenken. 2019 verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Resolution, die alle Formen des Antisemitismus verurteilt – auch den in der arabischen Welt verbreiteten. Doch bis heute gibt es deutsche Institutionen, die Organisationen finanzieren, die mit antisemitischen Kräften verbunden sind.
Das Problem der Verharmlosung
Ein besonders problematischer Aspekt ist die weit verbreitete Verharmlosung des Phänomens. Wenn deutsche Touristen berichten, dass sie mit „Heil Hitler“ begrüßt wurden, wird dies oft als „abseitige Schrulligkeit“ abgetan statt als politisches Bekenntnis ernst genommen.
Diese Verharmlosung hat System. Sie ermöglicht es, das Problem zu ignorieren und unangenehme Fragen zu vermeiden. Warum ist Hitler in Teilen der arabischen Welt populärer als in Deutschland? Warum werden antisemitische Texte dort als Tatsachenberichte gelesen? Und was hat Deutschland damit zu tun?
Die Wissenschaft hat längst eindeutige Antworten auf diese Fragen gefunden. Wie die Historiker Klaus Mallmann und Martin Cüppers schreiben, stellt sich die arabische Welt nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Region dar, „in der radikaler Antisemitismus wie nirgendwo sonst Verbreitung findet.“
Die Auswirkungen auf jüdische Gemeinden
Die Kontinuität des Antisemitismus hatte dramatische Folgen für die alteingesessenen jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern. Jahre nach der deutschen Niederlage im Weltkrieg kam es an zahlreichen Orten zu antijüdischen Ausschreitungen. Für die dortigen Juden brach eine jahrtausendealte Lebensperspektive zusammen.
Zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre erfolgten Massenauswanderungen, vor allem nach Israel. Von den einst 300.000 Juden Marokkos blieben nur 18.000 im Land. Von den 55.000 jemenitischen Juden waren es gerade 1000. Von 135.000 algerischen, 125.000 irakischen und 75.000 ägyptischen Juden setzten jeweils nur wenige Hundert die Existenz in ihren Heimatländern fort.
Diese „vergessene Nakba“ – die Vertreibung der orientalischen Juden aus ihrer jahrtausendealten Heimat – ist eine direkte Folge des Antisemitismus, der in der Nazi-Zeit verstärkt und systematisiert wurde.
Die Macht der Mythen
Was wir in dieser Folge gesehen haben, zeigt die erstaunliche Langlebigkeit politischer Mythen. Die antisemitischen Vorstellungen, die in Europa entstanden und von den Nazis systematisiert wurden, haben ihre Schöpfer um Jahrzehnte überlebt.
Sie funktionieren heute wie damals als Erklärungsmuster für komplexe politische Probleme. Statt sich mit den tatsächlichen Ursachen von Armut, Rückständigkeit oder politischer Unterdrückung auseinanderzusetzen, wird alles auf eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung zurückgeführt.
Die deutsche Verantwortung
Deutschland trägt eine besondere Verantwortung für diese Entwicklung. Es waren deutsche Orientalisten, die die antisemitische Propaganda für die arabische Welt adaptierten. Es waren deutsche Agenten, die sie verbreiteten. Und es waren deutsche Institutionen, die nach 1945 zu wenig getan haben, um dieser Propaganda entgegenzuwirken.
Diese Verantwortung wird oft nicht gesehen oder nicht anerkannt. Deutsche Holocaustgedenkstätten konzentrieren sich auf die Vernichtung der europäischen Juden – die Rolle des deutschen Antisemitismus in der arabischen Welt wird kaum thematisiert.
Dabei geht es nicht darum, Schuld zuzuweisen oder andere Völker zu bevormunden. Es geht darum zu verstehen, wie die deutsche Geschichte bis heute nachwirkt – auch in Regionen, die weit von Deutschland entfernt sind.
Die Grenzen der Aufklärung
Gleichzeitig zeigt diese Geschichte auch die Grenzen der Aufklärung auf. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung und Verbreitung des Antisemitismus bleiben die alten Mythen wirksam.
Das liegt auch daran, dass sie wichtige psychologische Funktionen erfüllen. Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Probleme, geben den Gläubigen das Gefühl, zu den Eingeweihten zu gehören, und kanalisieren Frustrationen auf einen klar identifizierbaren Feind.
Der Kampf um die historische Wahrheit
Was bleibt, ist der Kampf um die historische Wahrheit. Nur wenn wir verstehen, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt, können wir bessere Entscheidungen für die Zukunft treffen.
Das bedeutet auch, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Es bedeutet anzuerkennen, dass deutsche Geschichte nicht an den deutschen Grenzen endet. Und es bedeutet zu akzeptieren, dass Aufklärung ein mühsamer und nie abgeschlossener Prozess ist.
In unserer nächsten und letzten regulären Folge werden wir noch einmal auf die große Linie zurückblicken – und fragen, was diese 150-jährige Geschichte deutsch-islamischer Allianzen für die Zukunft bedeutet.
Quellen: Basierend auf „Halbmond und Hakenkreuz“ (Mallmann/Cüppers), „Der Mufti von Jerusalem“ (Gensicke), „Nazis, Islamic Antisemitism and the Middle East“ (Küntzel) und aktuellen Medienanalysen