1. Einleitung
Definition und Begriffsklärung
Der Begriff „Midrasch“ (hebr. מדרש, Plural: Midraschim) leitet sich vom hebräischen Verb „darasch“ (דרש) ab, das „suchen“, „erforschen“ oder „auslegen“ bedeutet. Im religiösen Kontext bezeichnet der Midrasch sowohl den Prozess der interpretativen Auslegung der hebräischen Bibel (Tanach) als auch die Textsammlungen, die aus diesem exegetischen Prozess hervorgegangen sind. Der Midrasch stellt damit eine fundamentale Form der jüdischen Bibelinterpretation dar, die darauf abzielt, den tieferen Sinn der Schrift zu erschließen, scheinbare Widersprüche aufzulösen und die biblischen Texte für die jeweilige Zeit relevant zu machen.
Bedeutung und Stellung im jüdischen Schrifttum
Der Midrasch nimmt eine zentrale Position im Korpus der rabbinischen Literatur ein und steht in enger Beziehung zu anderen grundlegenden Texten wie der Mischna, dem Talmud und den Targumim (aramäische Bibelübersetzungen). Als exegetische Tradition bildet der Midrasch eine Brücke zwischen dem biblischen Text und seiner Anwendung in der religiösen Praxis und Lehre. Er repräsentiert die kreative Auseinandersetzung der Rabbinen mit dem göttlichen Wort und spiegelt ihre Bemühungen wider, die Torah in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen und für jede Generation neu zugänglich zu machen.
Abgrenzung zu anderen exegetischen Traditionen
Im Unterschied zur Peschat-Exegese, die sich auf den wörtlichen Sinn des Textes konzentriert, sucht der Midrasch nach tieferen Bedeutungsschichten und verborgenen Botschaften. Anders als die philosophisch orientierte Exegese des Mittelalters (etwa bei Maimonides) oder die mystische Interpretation der Kabbala, bewegt sich der klassische Midrasch in einem narrativen und homiletischen Rahmen, der stark in der rabbinischen Tradition verankert ist. Während die Peschat-Exegese fragt: „Was sagt der Text?“, fragt der Midrasch: „Was lehrt uns der Text über Gott, die Welt und unser Leben?“
2. Historischer Kontext und Entstehung
Ursprünge in der mündlichen Tradition
Die Wurzeln des Midrasch reichen bis in die Zeit des Zweiten Tempels (516 v.Chr. bis 70 n.Chr.) zurück. Ein frühes Beispiel für midraschische Aktivität findet sich bereits im Buch Nehemia (8:8), wo beschrieben wird, wie die Schrift vorgelesen und erläutert wurde: „Und sie lasen aus dem Buch, aus dem Gesetz Gottes, deutlich vor und erklärten den Sinn, so dass man das Gelesene verstand.“ Diese Praxis der öffentlichen Schriftauslegung entwickelte sich besonders nach der Zerstörung des Ersten Tempels (586 v.Chr.) und während des Babylonischen Exils, als die jüdische Gemeinschaft neue Wege finden musste, ihre religiöse Identität zu bewahren.
Entwicklung während der tannaitischen und amoräischen Zeit
Die formative Periode des Midrasch fällt in die Zeit der Tannaim (ca. 10-220 n.Chr.) und Amoraim (ca. 220-500 n.Chr.). Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.Chr. gewann die Auslegung der Schrift noch mehr an Bedeutung, da der Tempelkult als religiöses Zentrum weggefallen war. Die rabbinischen Gelehrten, insbesondere in den Akademien in Palästina und später auch in Babylonien, entwickelten systematische Methoden der Textinterpretation. In den Lehrhäusern (Batei Midrasch) wurden biblische Texte intensiv studiert und diskutiert, wobei die Auslegungstraditionen zunächst mündlich weitergegeben wurden.
Verschriftlichung und Redaktion der midraschischen Literatur
Die Verschriftlichung der midraschischen Tradition begann im 3. bis 5. Jahrhundert n.Chr., setzte sich aber bis ins Mittelalter fort. Die frühesten schriftlich fixierten Midraschim stammen aus der tannaitischen Periode und konzentrieren sich hauptsächlich auf halachische (gesetzliche) Aspekte der Torah. Die Redaktion der umfangreicheren aggadischen (narrativen und ethischen) Midraschim erfolgte später, wobei viele dieser Sammlungen erst im 8. bis 11. Jahrhundert ihre endgültige Form erhielten. Der Prozess der Verschriftlichung war komplex und umfasste die Sammlung, Ordnung und Bearbeitung von Material aus verschiedenen Zeitperioden und regionalen Traditionen.
3. Methodologie und hermeneutische Prinzipien
Die Middot (exegetische Regeln)
Die midraschische Exegese folgt bestimmten hermeneutischen Prinzipien, die als Middot bezeichnet werden. Die früheste systematische Darstellung dieser Regeln wird Rabbi Hillel (1. Jh. v.Chr.) zugeschrieben, der sieben grundlegende Middot formulierte. Diese wurden später von Rabbi Ishmael auf dreizehn und von Rabbi Eliezer ben Jose ha-Gelili auf zweiunddreißig erweitert. Zu den wichtigsten Middot gehören:
- Kal wa-chomer (קל וחומר): Schluss vom Leichteren auf das Schwerere (a fortiori)
- Gezerah shawah (גזרה שווה): Analogieschluss basierend auf identischen Wörtern oder Phrasen
- Binyan av (בניין אב): Ableitung eines Prinzips aus einer oder mehreren verwandten Passagen
- Kelal u-perat (כלל ופרט): Das Verhältnis zwischen allgemeinen und spezifischen Aussagen
Diese Regeln ermöglichten es den Rabbinen, neue Einsichten aus dem biblischen Text zu gewinnen und scheinbare Widersprüche oder Lücken im Text zu überbrücken.
Verhältnis zwischen Peschat und Derasch
In der rabbinischen Hermeneutik besteht eine dynamische Beziehung zwischen Peschat (פשט, wörtlicher Sinn) und Derasch (דרש, interpretative Auslegung). Während der Peschat den expliziten Textsinn erschließt, sucht der Derasch nach impliziten Bedeutungen und Anwendungen. Ein berühmtes rabbinisches Prinzip besagt: „Ein Bibelvers verliert nie seinen Peschat“ (אין מקרא יוצא מידי פשוטו, Shabbat 63a), was darauf hindeutet, dass der Derasch den wörtlichen Sinn nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die midraschische Methode geht davon aus, dass der biblische Text mehrere Bedeutungsebenen enthält und dass jedes Detail – sei es ein scheinbar überflüssiges Wort, eine ungewöhnliche Grammatik oder eine Wiederholung – eine tiefere Botschaft vermittelt.
Narrative und aggadische Elemente
Ein charakteristisches Merkmal des Midrasch, besonders des aggadischen Midrasch, ist die Verwendung von narrativen Elementen wie Gleichnissen (Meshalim), Parabeln, Dialogen und kreativen Nacherzählungen biblischer Geschichten. Diese narrativen Techniken dienen dazu, abstrakte theologische Konzepte zu veranschaulichen, ethische Lehren zu vermitteln und emotionale Resonanz beim Publikum zu erzeugen. Der aggadische Midrasch nutzt oft die „Lücken“ im biblischen Text – das, was nicht explizit gesagt wird – um imaginative Szenarien zu entwickeln, die den Text bereichern und erweitern. Diese narrativen Erweiterungen sind nicht als historische Fakten zu verstehen, sondern als interpretative Werkzeuge, die tiefere religiöse und ethische Wahrheiten vermitteln sollen.
4. Typologie der Midraschim
Halachische Midraschim
Die halachischen Midraschim (Midraschei Halacha) konzentrieren sich auf die gesetzlichen Aspekte der Torah und zielen darauf ab, biblische Gebote zu erklären, zu präzisieren und anzuwenden. Sie folgen in der Regel der Reihenfolge des biblischen Textes und sind eng mit der Entwicklung des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) verbunden. Zu den wichtigsten halachischen Midraschim gehören:
- Mechilta de-Rabbi Ishmael: Ein Kommentar zum Buch Exodus
- Sifra (auch bekannt als Torat Kohanim): Ein Kommentar zum Buch Levitikus
- Sifre: Kommentare zu den Büchern Numeri und Deuteronomium
Diese Werke entstanden größtenteils während der tannaitischen Periode (1.-2. Jahrhundert n.Chr.) und enthalten Material, das parallel zur Mischna überliefert wurde.
Aggadische Midraschim
Die aggadischen Midraschim (Midraschei Aggada) umfassen narrative, ethische, theologische und homilietische Interpretationen der biblischen Texte. Sie sind weniger an der rechtlichen Anwendung interessiert als an der Vermittlung religiöser Werte, moralischer Lehren und theologischer Konzepte. Die aggadischen Midraschim lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen:
- Exegetische Midraschim: Diese folgen dem Bibeltext Vers für Vers und bieten Kommentare und Auslegungen zu jedem Abschnitt. Beispiele sind die verschiedenen Teile des Midrasch Rabba.
- Homiletische Midraschim: Diese sind nach den wöchentlichen Tora-Lesungen (Paraschot) strukturiert und enthalten Predigten und Lehrreden zu ausgewählten Versen. Beispiele sind der Midrasch Tanchuma und der Pesikta de-Rav Kahana.
Die aggadischen Midraschim sind oft reicher an folkloristischen Elementen, Gleichnissen und Legenden und bieten einen faszinierenden Einblick in die religiöse Vorstellungswelt des antiken und mittelalterlichen Judentums.
Zeitliche Schichtung der Werke
Die midraschische Literatur entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten und weist verschiedene zeitliche Schichten auf:
- Frühe Periode (3.-5. Jahrhundert): Hierzu gehören die halachischen Midraschim und frühe Teile des Midrasch Rabba (Genesis Rabba, Levitikus Rabba).
- Mittlere Periode (5.-8. Jahrhundert): In dieser Zeit entstanden viele der klassischen aggadischen Midraschim wie Pesikta de-Rav Kahana und frühe Versionen des Tanchuma.
- Späte Periode (8.-12. Jahrhundert): Hierzu zählen spätere Redaktionen bekannter Werke sowie neue Kompilationen wie der Midrasch Tehillim (zu den Psalmen) und kleinere thematische Midraschim.
- Mittelalterliche Periode (ab dem 12. Jahrhundert): In dieser Zeit entstanden hauptsächlich Sammlungen und Anthologien früherer Midraschim sowie neue Interpretationen, die von mittelalterlichen exegetischen Traditionen beeinflusst waren.
Diese zeitliche Schichtung spiegelt sich oft in der Sprache, im Stil und in den theologischen Konzepten der verschiedenen Midraschim wider.
5. Wichtige Midrasch-Sammlungen
Mechilta, Sifra und Sifre
Diese frühen halachischen Midraschim, die auch als „Midraschei Halacha de-vei Rav“ bekannt sind, bilden die Grundlage der midraschischen Literatur:
- Mechilta de-Rabbi Ishmael: Ein Kommentar zu Teilen des Buches Exodus (hauptsächlich zu den rechtlichen Abschnitten in Exodus 12-23 und 31-35). Es existiert auch eine weniger bekannte Version, die Mechilta de-Rabbi Shimon bar Yochai.
- Sifra (Torat Kohanim): Ein umfassender Kommentar zum Buch Levitikus, der besonders auf die priesterlichen Gesetze und Ritualvorschriften eingeht. Die Sifra wird der Schule von Rabbi Akiva zugeschrieben und zeichnet sich durch eine besonders detaillierte Analyse des biblischen Textes aus.
- Sifre: Besteht aus zwei separaten Werken: Sifre zu Numeri und Sifre zu Deuteronomium. Diese Midraschim behandeln vor allem die religiösen und ethischen Vorschriften dieser Bücher und enthalten Material aus verschiedenen rabbinischen Schulen.
Diese Werke sind von unschätzbarem Wert für das Verständnis der frühen rabbinischen Exegese und der Entwicklung der Halacha.
Midrasch Rabba
Der Midrasch Rabba („Großer Midrasch“) ist eine Sammlung von aggadischen Midraschim zu den fünf Büchern der Torah (Pentateuch) und den fünf Megillot (Hohelied, Rut, Klagelieder, Kohelet und Esther). Trotz des gemeinsamen Namens handelt es sich nicht um ein einheitliches Werk, sondern um eine Sammlung von Midraschim aus verschiedenen Zeiten:
- Genesis Rabba (Bereschit Rabba): Einer der ältesten und wichtigsten aggadischen Midraschim (ca. 5. Jahrhundert), der systematisch das Buch Genesis kommentiert.
- Exodus Rabba (Schemot Rabba): Besteht aus zwei Teilen unterschiedlichen Alters, wobei der erste Teil (zu Exodus 1-10) jünger ist als der zweite Teil.
- Levitikus Rabba (Wajikra Rabba): Ein früher aggadischer Midrasch (5. Jahrhundert), der thematisch nach den Wochenabschnitten des Buches Levitikus geordnet ist.
- Numeri Rabba (Bemidbar Rabba) und Deuteronomium Rabba (Devarim Rabba): Spätere Kompilationen, die Material aus verschiedenen Quellen enthalten.
- Die Midraschim zu den Megillot: Hohelied Rabba, Rut Rabba, Klagelieder Rabba (Echa Rabba), Kohelet Rabba und Esther Rabba. Diese Werke unterscheiden sich in Alter und Struktur und spiegeln die liturgische Bedeutung dieser biblischen Bücher wider.
Der Midrasch Rabba ist besonders reich an theologischen Reflexionen, ethischen Lehren und narrativen Erweiterungen des biblischen Textes.
Tanchuma-Midraschim
Die Tanchuma-Midraschim bilden eine Gruppe von homiletischen Midraschim, die nach Rabbi Tanchuma bar Abba (4. Jahrhundert) benannt sind, obwohl ihre endgültige Redaktion viel später erfolgte. Diese Midraschim sind nach den wöchentlichen Tora-Lesungen strukturiert und beginnen typischerweise mit einer halachischen Frage, gefolgt von aggadischen Auslegungen, die oft das Format „Yelammedenu Rabbenu“ („Möge unser Lehrer uns lehren“) verwenden. Es existieren verschiedene Versionen:
- Tanchuma Buber: Eine kritische Edition, die von Solomon Buber im 19. Jahrhundert basierend auf älteren Manuskripten herausgegeben wurde.
- Tanchuma Gedruckt (Tanchuma ha-Nidpas): Die standardisierte gedruckte Version, die vom Tanchuma Buber abweicht.
- Midrasch Yelammedenu: Ein verwandter Midrasch, der nur fragmentarisch erhalten ist.
Die Tanchuma-Midraschim hatten großen Einfluss auf spätere homiletische Traditionen und dienten als Quelle für zahlreiche mittelalterliche Kommentatoren.
Kleinere Midrasch-Sammlungen
Neben den großen Midrasch-Sammlungen existiert eine Vielzahl kleinerer Midraschim, die oft thematisch fokussiert sind oder sich mit spezifischen biblischen Büchern oder Episoden befassen:
- Pesikta de-Rav Kahana und Pesikta Rabbati: Sammlungen von Predigten zu besonderen Sabbaten und Feiertagen im jüdischen Kalender.
- Pirke de-Rabbi Eliezer: Ein narrativer Midrasch, der die biblische Geschichte von der Schöpfung bis zum Exodus nacherzählt und mit aggadischem Material erweitert.
- Midrasch Tehillim (Schocher Tov): Ein Midrasch zu den Psalmen.
- Midrasch Mischle: Ein Midrasch zum Buch der Sprichwörter.
- Midrasch Tadshe, Sefer ha-Yashar, Midrasch Aggada und viele andere kleinere Werke, die oft spezifische theologische oder ethische Themen behandeln.
Diese kleineren Midraschim entstanden größtenteils im frühen Mittelalter und reflektieren die kontinuierliche Entwicklung der jüdischen exegetischen Tradition.
6. Religiöse Bedeutung
Theologische Konzepte in den Midraschim
Die Midraschim sind reich an theologischen Reflexionen und entwickeln zentrale Konzepte des rabbinischen Judentums:
- Gottesverständnis: Die Midraschim ringen mit der Spannung zwischen Gottes Transzendenz und Immanenz. Sie verwenden oft anthropomorphe Beschreibungen Gottes, betonen aber gleichzeitig seine Unbegreiflichkeit und Einzigartigkeit. Ein bedeutendes Konzept ist die „Schechina“ (göttliche Präsenz), die Gottes Nähe zur menschlichen Welt symbolisiert.
- Torah und Offenbarung: Die Midraschim betrachten die Torah als kosmisches Prinzip, das bereits vor der Schöpfung existierte und als Bauplan der Welt diente. Sie entwickeln die Idee einer „mündlichen Torah“ (Torah she-be’al peh), die zusammen mit der schriftlichen Torah am Berg Sinai offenbart wurde.
- Israel und die Völker: Die Midraschim reflektieren über die besondere Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel, betonen aber auch die universellen ethischen Prinzipien und Gottes Sorge für alle Völker.
- Messianische Hoffnung: Viele Midraschim enthalten eschatologische Visionen und Beschreibungen der messianischen Zeit, in der die Welt erneuert und die Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.
Rolle des Midrasch in der Liturgie
Der Midrasch hat die jüdische Liturgie tiefgreifend beeinflusst:
- Predigttradition: Die homiletischen Midraschim bildeten die Grundlage für die Deraschot (Predigten), die an Sabbaten und Feiertagen in den Synagogen gehalten wurden.
- Piyyutim: Viele liturgische Gedichte (Piyyutim) greifen midraschische Motive und Interpretationen auf und integrieren sie in den Gottesdienst.
- Hagaddah von Pessach: Die Pessach-Hagaddah, die beim Seder-Abend rezitiert wird, ist stark von midraschischen Auslegungen des Exodus-Berichts geprägt.
- Tischrei-Liturgie: Die Gebete und Lesungen für die Hohen Feiertage (Rosch ha-Schana und Jom Kippur) enthalten zahlreiche Elemente aus der midraschischen Tradition.
Ethische und moralische Lehren
Die Midraschim sind eine reiche Quelle ethischer und moralischer Lehren:
- Zwischenmenschliche Beziehungen: Zahlreiche midraschische Texte betonen die Bedeutung von Mitgefühl, Nächstenliebe und Respekt in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Soziale Gerechtigkeit: Die Midraschim interpretieren biblische Gesetze oft in Richtung sozialer Gerechtigkeit und Fürsorge für die Schwachen in der Gesellschaft.
- Mussar (ethische Unterweisung): Viele Midraschim enthalten explizite moralische Belehrungen und Charakterbildung, die später in der Mussar-Bewegung systematisiert wurden.
- Tikkun Olam (Weltverbesserung): Die midraschische Auslegung fördert das Konzept, dass menschliches Handeln zur Vervollkommnung und „Reparatur“ der Welt beitragen kann.
Diese ethischen Lehren werden oft durch Gleichnisse, Beispielgeschichten und kreative Neuinterpretationen biblischer Erzählungen vermittelt.
7. Kulturelle Wirkungsgeschichte
Einfluss auf die jüdische Identität und Bildung
Der Midrasch hat die jüdische Identität und Bildung nachhaltig geprägt:
- Bildungsideal: Das Studium der Midraschim wurde zu einem integralen Bestandteil der traditionellen jüdischen Bildung und förderte kritisches Denken, kreative Interpretation und moralische Reflexion.
- Kulturelles Gedächtnis: Die midraschischen Erzählungen und Auslegungen haben das kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes geformt und zur Kontinuität der Tradition über Generationen hinweg beigetragen.
- Religiöse Praxis: Die midraschische Interpretation biblischer Gebote hat die konkrete Ausgestaltung des religiösen Lebens beeinflusst und zur Entwicklung spezifischer Bräuche und Rituale beigetragen.
- Weltanschauung: Die in den Midraschim enthaltenen Werte und Konzepte haben das jüdische Weltbild geprägt und eine charakteristische Herangehensweise an existenzielle und ethische Fragen gefördert.
Wechselwirkungen mit anderen Kulturen
Die midraschische Tradition stand in Wechselwirkung mit anderen kulturellen und intellektuellen Strömungen:
- Hellenistische Kultur: Frühe Midraschim zeigen Einflüsse hellenistischer Rhetorik und Interpretationsmethoden, wie sie in Alexandria praktiziert wurden.
- Christliche Exegese: Es gibt Parallelen und Unterschiede zwischen der midraschischen Tradition und der patristischen (frühchristlichen) Bibelauslegung, wobei komplexe Wechselwirkungen zu beobachten sind.
- Islamische Kultur: In der Geonik- und Rishonim-Periode (7.-15. Jahrhundert) gab es Einflüsse islamischer Wissenschaft und Philosophie auf die jüdische Exegese, die sich auch in späteren Midraschim widerspiegeln.
- Europäische Literatur: In der europäischen Diaspora wurden midraschische Elemente in die lokalen literarischen und folkloristischen Traditionen integriert, was zur Entstehung spezifischer aschkenasischer und sefardischer Ausdrucksformen führte.
Midrasch in der Moderne und zeitgenössischen Interpretation
In der Moderne hat der Midrasch neue Bedeutung gewonnen:
- Wissenschaft des Judentums: Im 19. Jahrhundert begann die kritische historische Erforschung der Midraschim als Teil der „Wissenschaft des Judentums“, was zu neuen Editionen und Analysen führte.
- Literarische Rezeption: Moderne jüdische Schriftsteller wie Franz Kafka, S.Y. Agnon und später Elie Wiesel haben midraschische Elemente in ihre Werke integriert.
- Feministische und postmoderne Interpretationen: In den letzten Jahrzehnten haben feministische Gelehrte wie Judith Plaskow und Avivah Gottlieb Zornberg sowie postmoderne Denker wie Jacques Derrida die midraschische Methode als Modell für eine dezentralisierte, dialogische Textinterpretation wiederentdeckt.
- Zeitgenössische jüdische Bildung: In modernen jüdischen Bildungskontexten wird der Midrasch als pädagogisches Werkzeug geschätzt, das kritisches Denken, kreative Auseinandersetzung mit Texten und persönliche Bedeutungsfindung fördert.
Diese zeitgenössischen Rezeptionen zeigen die anhaltende Vitalität und Relevanz der midraschischen Tradition in der modernen Welt.
8. Fazit
Zusammenfassung der Kernaspekte
Der Midrasch repräsentiert eine einzigartige Form der Textinterpretation, die aus der dynamischen Begegnung zwischen dem kanonischen biblischen Text und den sich wandelnden historischen Realitäten des jüdischen Volkes hervorgegangen ist. Als methodologisches Prinzip ermöglicht der Midrasch eine kreative und zugleich traditionsbewusste Aktualisierung der heiligen Texte, die sowohl ihre Autorität bewahrt als auch ihre Relevanz für neue Generationen sicherstellt. Die midraschische Literatur mit ihren vielfältigen Gattungen und Werken bildet einen Schlüssel zum Verständnis des rabbinischen Judentums und seiner intellektuellen und spirituellen Welt.
Die hermeneutischen Prinzipien des Midrasch haben nicht nur die religiöse Praxis und das theologische Denken beeinflusst, sondern auch ein Modell für den kreativen Umgang mit kanonischen Texten geschaffen, das über die Grenzen des Judentums hinaus wirksam geworden ist. In seiner Verbindung von Treue zum Text und interpretatorischer Freiheit, von Rationalität und Imagination, von Gesetz und Erzählung liegt die bleibende Faszination und Bedeutung des Midrasch.
Ausblick auf die Relevanz des Midrasch heute
In einer Zeit pluralistischer Weltanschauungen und digitaler Textualität gewinnt die midraschische Tradition neue Relevanz. Ihre Methoden des dialogischen Lesens, der Intertextualität und der kreativen Interpretation bieten Modelle für den Umgang mit komplexen Texten und Traditionen in einer sich wandelnden Welt. Der Midrasch lehrt uns, dass Texte nicht statisch sind, sondern in der Begegnung mit neuen Lesern und neuen Kontexten lebendig bleiben.
Die ethischen und theologischen Einsichten der Midraschim – ihre Betonung der menschlichen Verantwortung, der sozialen Gerechtigkeit und der Heiligkeit des alltäglichen Lebens – sprechen auch heute zu uns. In einer Zeit globaler Herausforderungen kann die midraschische Tradition mit ihrer Balance zwischen Partikularität und Universalität, zwischen Tradition und Innovation, zwischen kritischer Analyse und narrativer Imagination wichtige Impulse für interreligiösen Dialog und kulturelle Verständigung bieten.
Die Wiederentdeckung und Neuinterpretation der midraschischen Methode in verschiedenen Bereichen – von der akademischen Exegese über die religiöse Erziehung bis hin zu künstlerischen und literarischen Ausdrucksformen – zeugt von der anhaltenden Lebendigkeit dieser alten Tradition. In einer Welt, die oft von Fundamentalismus einerseits und radikalem Relativismus andererseits geprägt ist, bietet der Midrasch einen mittleren Weg: eine Haltung respektvoller Kreativität gegenüber autoritativen Texten, die sowohl ihre Heiligkeit anerkennt als auch ihre Vieldeutigkeit feiert.
So bleibt der Midrasch nicht nur ein Fenster in die reiche intellektuelle Geschichte des Judentums, sondern auch eine Einladung zum fortlaufenden Dialog mit den grundlegenden Texten und Werten, die unsere Kultur geprägt haben – ein Dialog, der auch im 21. Jahrhundert neue Bedeutung und neue Teilnehmer finden kann.
Sie haben recht – das Quellenverzeichnis ist nicht sichtbar geworden. Lassen Sie mich es hier direkt im Chat für Sie erstellen:
9. Quellenverzeichnis
- Mechilta de-Rabbi Ishmael. Hrsg. von H.S. Horovitz und I.A. Rabin. Jerusalem: Wahrmann Books, 1970.
- Sifra. Hrsg. von I.H. Weiss. Wien: Jacob Schlossberg, 1862.
- Sifre zu Numeri und Deuteronomium. Hrsg. von H.S. Horovitz. Leipzig: Gustav Fock, 1917.
- Midrasch Rabba. 12 Bände. Wilna: Romm, 1887 (Standardausgabe).
- Genesis Rabba. Hrsg. von J. Theodor und Ch. Albeck. 3 Bände. Jerusalem: Wahrmann Books, 1965.
- Levitikus Rabba. Hrsg. von M. Margulies. 5 Bände. Jerusalem: Ministry of Education and Culture, 1953-1960.
- Midrasch Tanchuma. Hrsg. von S. Buber. Wilna: Romm, 1885.
- Pesikta de-Rav Kahana. Hrsg. von B. Mandelbaum. 2 Bände. New York: Jewish Theological Seminary, 1962.
- Pirke de-Rabbi Eliezer. Warschau: 1852.
- Babylonischer Talmud. Standardausgabe Wilna: Romm, 1880-1886.
- Mischna. Hrsg. von Ch. Albeck. 6 Bände. Jerusalem: Mossad Bialik, 1958-1959.
- Stemberger, Günter. Einleitung in Talmud und Midrasch. 9. Auflage. München: C.H. Beck, 2011.
- Stern, David. Midrash and Theory: Ancient Jewish Exegesis and Contemporary Literary Studies. Evanston: Northwestern University Press, 1996.
- Hartman, Geoffrey H. und Sanford Budick (Hrsg.). Midrash and Literature. New Haven: Yale University Press, 1986.
- Boyarin, Daniel. Intertextuality and the Reading of Midrash. Bloomington: Indiana University Press, 1990.